Wie wird man der beste der Welt?
01. März 2016
11 Uhr
Es gibt wenig wirklich große Heroen der Parfum-Szene. Roja Dove ist einer von ihnen. Der Engländer gilt als eine der herausragenden Autoritäten im Luxussegment der Beauty-Branche. Von ihm habe ich auch einen meiner Lieblingsdüfte, eine Vetiver-Erinnerung daran, wie mann nach dem Sex riecht. Ich traf den beeindruckenden Kopf in München mit einer einzigen Frage im Gepäck: Wie wird man einer der besten in seinem Job?

GQ: „Wieso wird man Parfumeur?“

Roja Dove: Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, kam meine Mutter in mein Zimmer um mir einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Sie war auf dem Weg zu einer Party und trug ein goldenes Lamé-Kleid, das Licht der Nachttischlampe hüllte sie von hinten in einen warmen Glanz – es war wie eine

Erscheinung: Ein goldener Engel, in eine Corona gehüllt. Und dieser Engel beugte sich vor und küsste mich. Den Geruch dieses Momentes werde ich nie vergessen: Ihr Parfum, durchmischt mit ihrem Gesichtspuder… Wenn man an Schicksal glauben mag, war das der Moment, in dem ich meines traf. Seit diesem Kuss war ich fasziniert von Gerüchen und Parfums. Ich habe die letzten zwei Jahre übrigens damit zugebracht, diesen Augenblick mit meiner Mutter in einem Parfum einzufangen. Das Resultat heißt „A Good night kiss“ – es ist sehr retro, aber subtil und feminin. Mit einer Nuance Reispuder, Orangenblüten und Rose.

GQ: Aber wie wird denn bitte aus einem Augenblick ein Beruf?

Als ich Teenager war, gab ich all mein Taschengeld für Parfum aus. Es war meine absolute Obsession. Und so entdeckte ich das Haus Guerlain. In einer Schaufenster-Dekoration sah ich die Werbung für „Jicky“, den Duft aus dem Jahr 1889. Da wurde mir bewusst, dass ein Duft einem Jahr zugeordnet werden kann. Dass große Düfte Jahre und sogar Jahrhunderte überdauerten. Wie Chanels „N°5“ von 1921. Es faszinierte mich, dass etwas so altes in einem Laden verkauft wurde, und die Menschen es doch als modern und zeitgemäß wahrnahmen. Ich wollte von all diesen großen Parfums die Geschichte entdecken. Was als Hobby, als Sammelleidenschaft begann, wurde dann zu meinem Leben.

Wieder war es das Schicksal, das mir den Weg vorgab

Eine Freundin, die ich in Cambridge während meines kurzen Aufenthaltes dort kennengelernt hatte, unterhielt sich mit Robert Guerlain. Und er fragte sie: „Wer ist eigentlich dieser Roja Dove?“ Sie fragte zurück: „Wieso“… und er erzählte ihr, dass er die Schnauze voll hatte von mir und meinen ständigen Briefen und Fax-Nachrichten, ob ich mehr über das Haus Guerlain erfahren könnte. denn Internet oder so gab es damals ja noch nicht. Also hatte ich angefangen, hartnäckig Briefe ans Haus Guerlain zu schreiben, um mehr über die Historie und das Unternehmen zu erfahren. Also erklärte sie ihm, wer ich bin, und schlug ihm vor, mir einfach einen Job zu geben. Ist das nicht Wahnsinn! Über diesen Zufall hatte ich plötzlich die Chance, ins Parfum-Business einzusteigen. Und wirklich – nicht aufgrund meiner Person, sondern nur dank des Namens Guerlain, für den ich nun arbeiten durfte, öffneten sich mir alle Türen zu dieser wunderbaren Welt der Parfumerie.

GQ: Also immer wieder das Schicksal als Weg-Ebener. Das ist natürlich schon sehr großes Glück!

Absolut. Bei Guerlain lernte ich die Grundlagen der Parfumerie, und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, was sonst aus mir geworden wäre. Ich habe so viele Freunde, die wirklich unglücklich in ihrem Job sind, aber nicht wissen, was sie daran ändern sollen. So ein Gefühl ist mir fremd, mein Beruf ist mein Leben, und mein Leben ist mein Beruf. Ich arbeitete also zwanzig Jahre bei Guerlain, dann entschied ich am Weihnachtsabend 2000, dass ich einen neuen Weg einschlagen müsste. Guerlain war aufgekauft worden, gehörte nun zu einem großen Konglomerat, und ich wollte nicht für so eine große Firma arbeiten. Als Guerlain noch ein Familienbetrieb gewesen war, okay. Aber nun war es Zeit, dass ich diese Zeit hinter mir ließ.

Und so nahm mein neues Leben seinen Lauf. Kurze Zeit später wurde ich zu „Harrods“ eingeladen, auf eine Tasse Tee. Ich wusste gar nicht, was die von mir wollen, aber sie sagten ganz trocken: „Wir möchten einen Shop mit Deinen Düften eröffnen“. Ich habe sie groß angeschaut und geantwortet: „Aber ich bin doch nur hier, um eine Tasse Tee zu trinken.“ Diese Konversation ist jetzt zwölf Jahre her, seitdem bestimmen die Global Players den Parfum-Markt: Unilever, Coty, Procter&Gamble… Was hatte ich als One-Man-Show da schon mitzuspielen?!
Ich war mein ganzes Leben ein Sammler gewesen, ich sammelte die Parfums anderer, wie ein Kurator. Aber ich hatte nun die einmalige Chance, etwas eigenes zu erschaffen, mit meinem Namen darauf. Ich warf alles in eine Waagschale und entwarf eine kleine Kollektion meiner eigenen Duftideen. Und launchte am 2.Juli 2011 meine eigene Marke. Mit 16 Düften: Zehn Frauenparfüms, drei für Männer und drei Outs.

Das war ein ungeheures Risiko, denn ich hatte all meine Ersparnisse in dieses Projekt gesteckt, es gab keinen Investor oder so etwas.

Ich setzte alles auf eine Karte! So stand ich also eines morgens kurz vor der Eröffnung vor meinem Counter in Harrod’s und dachte nur: Oh Gott! Was, wenn die Leute meine Arbeit nicht mögen? Was, wenn ich untergehe? Der Shop öffnete, und – unfassbar aber wahr – wir waren ausverkauft innerhalb von zehn Tagen. Und das ganz ohne Marketing oder Werbung – dafür hatten wir damals kein Geld mehr übrig. Es steckte ja alles in den Inhaltstoffen und aufwändigen Flakons. Aber mein Glück war, dass die ganze Welt zu Harrod’s kommt. Araber, Deutsche, Russen, Chinesen – auch wenn Chinesen kaum Parfums kaufen. Tatsächlich kauften Menschen aus aller Welt in London meine Parfums und trugen den Duft weiter in alle Himmelsrichtungen.

Das war der Startschuß für mein heutiges Leben. Plötzlich wollten andere Geschäfte aus Russland und dem mittleren Osten meine Arbeit verkaufen. Wie gesagt: Immer ohne jedes Marketing. Und immer wieder werde ich bis heute gefragt, was das Geheimnis meines Erfolges ist. Ich muss gestehen: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, dass ich nicht irgendwelchen Trends hinterherlaufe. Dass ich stattdessen versuche, jedem Menschen das Parfum zu bieten, das am besten zu ihm passt, statt ihn ein eine neue Duftpersönlichkeit zu kleiden, nur weil gerade der oder dieser Duftstoff „in“ ist. Oder dass ich versuche, immer mein bestes zu geben. Das ist vielleicht auch die einzig sinnvolle Antwort auf die Frage, wie man einer der besten wird. Man muss immer sein bestes geben.

Heute hoffe ich nur, dass meine Kreationen genug geliebt werden, um zu überleben. Wie Guerlains „Jicky“ oder Chanels „N°5“. Düfte, die bleiben. Ich breite mein Innerstes vor der Welt aus und hoffe, dass die Welt es mag. Oder wie der Dichter W.B Yeats es sagte: „… tread softly because you tread on my dreams“: Schreite behutsam, denn Du schreitest auf meinen Träumen.

Neu von Mr. Dove: „Vetiver pour Homme" – sinnlich-rauchige Noten von Vetiver mit Zitrus-Noten, Pfeffer, Muskat und Guajakholz.
EdP 50 ml 295 Euro – Parfum 50 ml 450 Euro