Milliardäre tragen keine Krawatten
23. Februar 2016
13 Uhr
Unter Branchen-Insidern gilt er als "King of Cool": John Paul DeJoria, Mitgründer des Labels Paul Mitchell. Nicht nur lebte er in der Vergangenheit den amerikanischen Traum – vom Hausierer zum Milliardär. Er weiß als Vordenker auch, was die kommenden großen Themen sein dürften – vom Shampoo bis zur US-Präsidentenwahl. Wir trafen den Danny „Machete“ Trejo der Beauty-Szene auf einen Tequila. Zum Frühstück. Natürlich.

John Paul DeJoria wurde in einer der ärmsten Straßen von Los Angeles geboren. Um das Haushaltseinkommen aufzubessern, begann DeJoria als Fünfjähriger von Tür zu Tür zu gehen, um Weihnachtskarten zu verkaufen. Mit elf Jahren stand er morgens um drei Uhr auf, um Zeitungen auszutragen. Nach dem Schulabschluss absolvierte er zwei Jahre Dienst bei der Navy und verkaufte im Anschluss als Hausierer Enzyklopädien, um sich über Wasser zu halten.

Durch John Capra, einen Bekannten, bekam DeJoria einen Job bei der Firma Redken, die damals führend auf dem Gebiet der friseurexklusiven Haarpflege war. Und dort lernte er den Mann kennen, der sein Leben für immer verändern sollte: den Friseur Paul Mitchell. Die beiden wurden enge Freunde, und angespornt von dem Wunsch, den Friseurmarkt zu revolutionieren, gründeten sie das Unternehmen John Paul Mitchell Systems. Sowohl Paul Mitchell als auch DeJoria selbst investierten 350 Dollar, um die ersten Produkte zu produzieren: „Shampoo One“ und „The Conditioner“. Das mittlerweile Kult gewordene Schwarz-Weiß-Design der Flaschen war aus der Not geboren: „Wir wollten farbige Flaschen, aber wir hatten kein Geld, sie zu produzieren“, sagt DeJoria.

Und heute? Wird der ehemalige Hausierer John Paul DeJoria mit einem geschätzten Vermögen von 3,1 Millarden US-Dollar auf Rang 234 der „Forbes“-Liste gehandelt (Stand 2/16). Und gründet nebenbei mal Weltmarken eher aus einer Laune heraus, wie die Tequila-Marke „Patrone“, oder investiert in Hollywood-Projekte, aktuell z.B. in den Film „Chloe & Theo“ mit der Schauspielerin Dakota Johnson.

Stimmt es, dass Sie ein Leben ohne E-Mails, Facebook und Internet führen?

Tatsächlich, ja. Das Internet interessiert mich schlichtweg nicht so sehr. Um Mails kümmert sich Gott sei Dank mein Executive Assistent. Und generell telefoniere ich lieber. Das ist doch viel persönlicher! In Mails gehen so viele persönlichen Zwischentöne verloren. Außerdem finde ich es schrecklich, dass junge Leute nur noch am Handy hängen. Ich fördere zum Beispiel ein Projekt, mit dem Kids an Schulen wieder beigebracht wird, mit einem Lexikon umzugehen.

Sind Sie denn wirklich so, pardon, unmodern?

Ja (lacht – aber nur ein bisschen).

Dann dürften Ihre Vorbilder wohl auch eher old-school sein, oder? Wer inspiriert Sie denn so?

Nein, nein, das lustigerweise gar nicht. Meine Tochter Michaeline inspiriert mich zum Beispiel mit ihrer Begeisterung für die Welt der Social Media. Sie ist der totale Internet-Profi. Oder meine zweite Tochter, Alexis, sie ist eine der schnellsten Frauen der Welt, fährt Rennwagen mit satten 16.000 PS. Und sie beeindruckt mich mit ihrem Kämpfergeist. Nach einem schweren Autounfall beim Rennen saß sie zwei Wochen später wieder hinter dem Lenkrad. Beide geben nie auf, geben sich nie mit dem Mittelmaß zufrieden, sondern wollen persönlich immer besser werden. Das finde ich schlichtweg großartig.

Apropos Familie: Ihre Eltern waren das, was man heute wohl Flüchtlinge nennen würde. Ihr Vater ein italienischer Einwanderer, Ihre Mutter aus Griechenland – da wird Haarpflege in Ihrer Kindheit wohl kaum ein großes Thema gewesen sein...

Meine Eltern hatten wirklich nicht viel Geld. Aber wir kannten es ja nicht anders, deswegen dachte ich mir nie, dass wir arm wären. Aber Beauty-mäßig hat meine Mutter schon immer vorgelebt, wie wichtig es im Alltag ist, gepflegt zu sein. Sie hatte wunderschönes Haar und sah immer sehr gut aus, auch ohne viel Geld. Eines Tages nahm sie mich mit zur Heilsarmee, und ich sollte denen 10 Cent spenden – weil man immer denen helfen muss, denen es schlechter geht als einem selbst. Wir hatten wie gesagt so gut wie gar kein Geld, spendeten aber trotzdem immer wieder so viel, wie eben ging. Später, als ich Geld hatte, wollte ich meiner Mutter etwas Großartiges schenken. Also wollte ich ihr ein neues Auto kaufen, sie weigerte sich aber, weil Neufahrzeuge so schnell an Wert verlören. Also einigten wir uns auf einen hübschen Gebrauchtwagen. Sparsamkeit, wirtschaftliches Denken und die Ehrenpflicht, etwas für die Gesellschaft zu machen – das habe ich von meinen Eltern gelernt. Die Begeisterung für Kosmetik kam dann später wie von selbst dazu.

Über Sie wird immer wieder geschrieben, Sie hätten den amerikanischen Traum geschafft – vom Tellerwäscher zum Millionär...

Es stimmt ja auch. Es war schlimmer als ein Tellerwäscher – bevor wir Paul Mitchell gegründet haben, lebte ich zwei Wochen lang in meinem Auto, sozusagen als Obdachloser.

Aber glauben Sie, dass eben dieser Traum, es von ganz unten durch eigene Kraft an die Spitze der Wirtschaftswelt zu schaffen, überhaupt noch möglich ist?

Unbedingt, ja! 1980 startete ich ganz unten. Da lag die Inflation bei 10 Prozent. Die Arbeitslosigkeit bei etwas um die 17 Prozent. Die Ölkrise hielt die Welt in Atem, und gleichzeitig gab es viel, viel mehr Distributeure auf dem Markt als heute. Die Ausgangschancen standen für uns damals also richtig schlecht. Und es hat trotzdem geklappt. Das Geheimnis beruflichen Erfolges damals wie heute ist es schlichtweg, nicht aufzugeben. Wenn man eine gute Idee hat und von der überzeugt ist, wird sie sich durchsetzen. Man muss sich nur auf sehr viel Ablehnung vorbereiten. Die Welt wartet nicht auf einen wie dich. Du musst der Welt erst klar machen, dass sie einen wie dich braucht! Noch mal: Als ich anfing, standen die Chancen eigentlich mies. Nachdem 100 Türen vor mir zugeschlagen wurden, habe ich trotzdem immer noch enthusiastisch an Tür Nummer 101 geklopft. Ich wusste, wir hatten ein qualitativ hochwertiges Haarpflegeprodukt, in das sich die Kunden verlieben würden. Ein Produkt, das man immer wieder nachkauft. Und zwei Jahre später hatte John Paul Mitchell Systems eine Million US-Dollar eingespielt.

Aber damals gab es noch echte Innovationen. Gibt es im Haarpflege-Segment überhaupt noch Dinge, die nicht schon erfunden wurden?

Ich meine Ja. Wir allein bringen 2017 zum Beispiel eine Mega-Innovation auf den Markt – etwas völlig Neues, Revolutionäres gegen Haarausfall. Gute Ideen wird es immer geben, solange es gute Forscher und Wissenschaftler gibt!

Nur, dass der Markt doch schon sehr gesättigt ist. Wieso gibt es so viele Wachse, Pomaden, Gels?

Weil es mittlerweile so viele verschiedene Menschentypen und parallele Trendströmungen gibt. Generell lässt sich sagen: Der Konsens unserer Zeit ist, immer gepflegt aussehen zu wollen. Aber darüber hinaus ist eigentlich alles erlaubt. Krawatten zum Beispiel drücken Tradition aus, ich finde aber, sie schränken nur ein. Man sollte immer darauf achten, mit seinem Look anderen Menschen nicht zu nahezutreten, ihre Gefühle zu respektieren. Aber innerhalb dieser respektvollen Norm muss man sich selbst verwirklichen. Deswegen verkaufen auch wir bei Paul Mitchell so viele verschiedene Stylingprodukte, für ganz verschiedene Looks. Jeder Mann will aussehen, wie es ihm passt. Ein eigenes Statement setzen. Das ermöglichen wir ihm.

Wenn Sie wetten müssten: Wer wird der nächste US-Präsident? Hillary Clinton oder Donald Trump?

Ganz anders: Bloomberg. Und ich würde jede Wette eingehen!