Spreewasser – Berlin zum Aufsprühen
10. Februar 2016
15 Uhr
Designer Lutz Herrmann kreiert unter J. F. Schwarzlose Berlin deutsche Parfüms. Aus Überzeugung

Lutz Herrmanns Arbeit kennt so ziemlich jeder, der schon mal eine Parfümerie, Drogerie oder Apotheke betreten hat. Er entwirft als Designer Verpackungen: etwa für Wella- und Schwarzkopf-Shampoos, Hautpflege für Eucerin und Juvena, Make-up für New York Color oder Esprit und Parfümflakons für Hugo Boss, Zara und Gucci. Er ist einer, der weiß, was Erfolg ist, ganz klar. Jetzt hat der Desig-ner, den viele kennen, eine neue Herausforderung gefunden: eine Marke wiederzubeleben, die keiner mehr kennt. Herrmann kaufte die Markenrechte an J. F. Schwarzlose Söhne, einem ehemaligen Parfümhersteller aus Berlin – und probt zunächst mit drei mehr oder weniger neuen Düften von der Hauptstadt aus das fast Unmögliche: Parfüm made in Germany, ein mutiges Geschäft, das nur wenige wagen, denn die Konkurrenz aus Frankreich und Italien ist übermächtig.

Auf Ihrer Homepage unterteilen Sie Düfte in drei Kategorien: Lifestyle, Pres-tige und Luxus. Wo siedeln Sie J. F. Schwarz-lose Berlin an?

Im Luxusbereich. Allerdings in der obersten, kleinsten Ecke – den Nischendüften. Sie bilden die Speerspitze des sehr umfangrei-chen Markts. Die 1856 gegründete, ursprüngliche Marke J. F. Schwarzlose Söhne ist nie in großen Mengen produziert worden. Dafür wurde aber immerhin weltweit exportiert – Flakons finden sich sogar in der Sammlung des letzten Kaisers von China. Der Fokus lag damals auf der Komposition der Düfte und den wertvollen Inhaltsstoffen. Nischendüfte haben nicht den Anspruch, jedem zu gefallen. Sie wollen Akzente setzen. Und genau das tun wir.

Welche Rolle spielen Parfüms aus Deutschland heute auf dem internationalen Markt?

Deutsche Düfte sind bis heute nicht wirklich bekannt. Dabei waren im 19. Jahrhundert Parfümeure aus der Nähe von Leipzig die Trendsetter ihrer Zeit. Sie haben überhaupt erst erfunden, wie man Duftessenzen extrahieren kann. Von dieser modernen Entwicklung lebt heute die gesamte Industrie.

Warum denkt fast jeder beim Wort Parfüm automatisch an Frankreich?

In Frankreich genießt der Duft den Status eines Kulturguts. Hierzulande wird Parfüm nicht ernst genommen, sondern als ent-behrliches Extra gewertet. Traurig, aber wahr, wir Deutschen haben heute noch das anscheinend unzerstörbare Image, keine Lebenskunst zu kennen. Oft wird vergessen, dass Marken an der Spitze der Luxusgüter
eigentlich auch mal aus Deutschland kamen – Hermès hat zum Beispiel seine Wurzeln in Krefeld, Loewe in Berlin.

Wie würden Sie den deutschen Mann als Parfümkonsumenten einordnen?
Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass der deutsche Mann in erster Linie irgendetwas mit Blau will, wenn es um Duftverpackung geht. Dann greift er zu. Das Parfüm dazu muss auch blau riechen, frisch und aquatisch. Das ist so das Duftklischee, Leitbilder sind nach wie vor „Cool Water“ oder etwas Unauffälliges wie „Acqua di Giò“. In unseren europäischen Nachbarländern ist das anders, da darf der Mann schon mal aus der Rolle fallen, sowohl durch ein Duftstatement als auch durch seine Kleidung.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Denken Sie an Banker in London, die einen Nadelstreifen-Maßanzug aus der Savile Row tragen und dazu rote Hosenträger und grüne Socken. Das sind, bei aller Uniformität, Zeichen von Persönlichkeit und Individualität. Dazu dann noch ein ungewöhnlicher Duft, etwa von Czech & Speake, das würde sich kein deutscher Banker trauen.

„Sich etwas zu trauen“ ist ja auch nicht gerade das Motto der Parfümbranche. Statt neuer Lancierungen gibt es fast nur noch Erweiterungen bereits erfolgreicher Marken. Was fehlt der Parfüm-branche: Mut oder Inspiration?

Ganz klar: Der Mut fehlt. Das ist aber auch verständlich, weil diese Unternehmen alle börsennotierte, auf Konsens ausgerichtete Giganten sind. Sprich, es gibt dort Hierarchien, die Mut verhindern. Manches Mal treffe ich auf sehr passionierte Manager, die dann aber mit ihren Ideen scheitern, weil diese in der Umsetzung viel Überzeugung
erfordern. Das letzte wirklich mutige Projekt der Industrie war der Launch von Viktor & Rolfs „Flowerbomb“. Was für ein Risiko: eine Marke zu etablieren, die bisher nur einem sehr ausgewählten Publikum bekannt war. Aber trotzdem gab es da jemanden, der diese Vision durchgeboxt hat.

Ihre drei Düfte basieren auf den alten Originalrezepturen. Wie ist das überhaupt möglich? Diese Parfüms müssten doch längst gekippt sein.

Die Labors von IFF, unserem Dufthersteller, sind so ausgestattet, dass sie aus umgekippten Inhaltsstoffen, die wir in Originalflakons gesammelt hatten, Basisstoffe identifizieren können. Diese Technologie nennt man Chromatographie. Unsere Parfümeurin Véronique Nyberg hat dann auf diesen Ergebnissen aufgebaut, die Originalrezepturen modernisiert. Bei dem Duft „Treffpunkt 8 Uhr“ hat sie zum Beispiel dem hohen Vetiveranteil noch einen Gegenpol gegeben, der zu Berlin passt: Mango. Oder bei „1A-33“, der im Ursprung viel Jasmin und Lindenblüte enthielt, noch einen aquatischen Aspekt zugefügt, der an die Spree erinnern soll.

Berlin als Duft-Hauptstadt ist schwer zu vermitteln. Wonach riecht die Hauptstadt denn?

Tagsüber duftet es durchaus wie „1A-33“. Gehen Sie mal im Sommer Unter den Linden spazieren – das ist die sprichwörtliche Ber-liner Luft. Gegen Abend regt sich eine gewisse Unruhe, das Verlangen, die Nacht zu erobern, dann duftet es wie „Treffpunkt 8 Uhr“ – ein Date, man kann sich nicht sicher sein, wie die Nacht verlaufen wird, Gefahr und Sicherheit, olfaktorisch umgesetzt im Mix aus Salbei und Herbstzeitlose.

Schwarzlose ist vor rund 35 Jahren aus dem Handelsregister gelöscht worden. Woran scheiterte es damals?

An der unwirtlichen Situation in Berlin. Die Firma hatte diverse Standorte, Produktionsstätten Prenzlauer Berg und Moabit, also im Westen wie im Osten der Stadt, das war äußerst schwierig zu handhaben, vor allem natürlich nach dem Mauerbau.

Lag es wirklich nur daran?

Außerdem dominierte nach dem Krieg bis in die 1970er-Jahre der Wunsch nach ausländischen Luxusprodukten. Und schließlich änderte sich noch der Zeitgeist: Als die Marke unterging, präferierte die Mehrheit neue, moderne Parfümkonzepte, wie etwa „Charlie“ von Revlon. Das war sozusagen eines der ersten Celebrity Fragrances, orientiert an der US-TV-Serie „Drei Engel für Charlie“.

Welchen Widrigkeiten muss ein deutsches Parfümhaus heute begegnen?

Es gibt viel Wettbewerb, jedes Jahr drängen rund 450 neue Düfte auf den Markt. Wir wollen uns aber nicht daran orientieren, sondern dem Markt Innovation bringen. Duftprodukte sind heutzutage viel zu alltäglich, fast banal geworden. Dem wollen wir entgegenwirken.

J. F. Schwarzlose Söhne wurden seinerzeit zu Hoflieferanten des Kaiserreichs geadelt. Welche deutsche Marke würden Sie zum Hoflieferanten ernennen?

Dallmayr aus München. Ich liebe den Duft von Kaffee.