Obenrum trag ich Vintage
22. April 2016
11 Uhr
Graues Haar ist und bleibt abseits des Trends. Aber es gibt Kerle, die einfach verdammt gut damit aussehen. Eine Analyse, warum wir grau werden und warum manche Männer ein Problem damit haben

Wieso ist für Frauen vieles so viel einfacher? Okay, sie müssen sich jeden Tag die Beine rasieren, dürfen sich nicht mal eben an einem durchschnittlichen Dienstagabend mit Whiskey volllaufen lassen und müssen stets darauf achten, dass ihre Lippen den perfekten Rotton tragen, der irgendwo zwischen versauter Domina und eleganter Französin zu changieren scheint. Aber: Sonst ist für sie alles einfacher. Alles! Beispiel Haare: Offen, zum Pferdeschwanz gebunden oder sogar auf Pixiekürze – Frauen sind einfach wunderschön. Ausnahmen sind alle mit billigen mehrfarbigen Blocksträhnchen, die vor zehn Jahren schon in Polen out waren, heute aber oft hinter Aldi-Kassen sitzen und von sich Dinge sagen wie: „Ich bin total verrückt drauf.“ Danke, aber nein Danke. Sowie alle „lustigen“ Farbexperimente in blau. Ganz im Ernst: Wer möchte mit einem Schlumpf knutschen? Blau ist in keiner Version eine erträgliche Haarfarbe. Aber nehmen wir nur mal Grau. Wer hätte gedacht, dass Frauen mit grauem Haar mal als sexy gelten könnten? Meine Oma dachte das jedenfalls nicht. Aber heute, 2016, haben wir dazu gelernt: Unter dem Hashtag #grannyhair findet man eine ganze Welt von wunderschönen Frauen mit Oma-Haar. Sexy? Und ob!
Vielleicht fing alles mit der Khaleesi an – plötzlich färbten in den letzten Jahren Traumfrauen ihre Haar grau, andere hörten einfach auf, ihre von Natur aus schon silbrigen Haare zu überfärben. Und Ja: Eine schöner als die andere.


Der Weg der Männlichkeit

Und was machen wir Männer? Da arbeiten wir ein genzes Jugendleben darauf hin, endlich älter und reifer zu wirken. Lassen uns mit 16 Jahren die ersten sprießenden Härchen auf Brust und Oberlippe selbstbewußt stehen als wären drei Haare auf Bubihaut der nächste Sprung der Evolution. Wir beginnen, harte Drinks zu konsumieren – die uns die ersten Jahre noch nicht mal schmecken, bis der Gaumen sich damit abfindet – nur um zu beweisen, dass wir männlich-erwachsen trinken können wie James Bond und Highlander in einer Person. Und wir tragen Krawatten, goldene Uhren, rahmengenähte Schuhe und Autoschlüssel als Insignien unserer Reifewerdung. Bloss nicht zu jung, zu unerfahren, zu wenig weltmännisch wirken. Dann kommt der Peak, plötzlich schmecken uns Whiskey und Wermut tatsächlich besser als Rum-Cola, plötzlich kann man sich Dinge leisten, für die man als Teenager noch sparen musste, plötzlich siezen uns Verkäufer in Boutiquen. Und dann passiert etwas ganz erstaunliches: Der neue Status des Herren passt uns nicht. Graue Härchen aus dem Bart werden ausgerissen, die Silberstreifen an den Schläfen überfärbt. Nach dem Dienstagabend-Saufgelage fühlen wir uns am Mittwoch morgen gar nicht mehr sooo cool, und im Elektromarkt stehen wir vor dem Regal mit Nasenhaarschneidern und denken ernsthaft über störhaare nach, die irgendwie gestern noch kein Thema waren. Diese Reise vom Jungen, der älter wirken möchte zum Mann, der jünger wirken möchte, passiert mitunter sogar über Nacht. Es ist zum Heulen.

Die Alpha-Tiere tragen Grau

Neu ist, dass wieder mehr und mehr Kerle sich die Haare erfreulicherweise NICHT umfärben. Könnte daran liegen, dass sich in der Vergangenheit so mancher arg lächerlich gemacht hat mit dem Versuch des Kaschierens – immer wieder lustig: die Causa Gerhard Schröder. Könnte aber auch daran liegen, dass viele gute Typen sich damit einfach abfinden, älter zu werden. Das entspricht zwar nicht unbedingt dem Zeitgeist, in dem alle immer jünger aussehen wollen, dynamischer und sportlicher. Aber wir haben in der Bildergalerie mal ein paar Männer versammelt, die einfach smart aussehen mit grauweiß. Schlicht und ergreifend mit Seitenscheitel, wie es sich für britische Aristokraten gehört kommt da etwa Prince Charles, Robert deNiro dagegen wählt den lässigen Künstler- Schrägstrich Intelektuellen-Look, der auch hervorragend in grau funktioniert. Tommy Hilfiger legt sein Haar – derzeit in New York sehr beliebt – zur Woody-Allen-Nerdbrille topgepflegt in Strähnen nach hinten – und man höre und staune: Den mit Abstand besten Grauhaar-Look schafft Silvester Stallone. Douze points für den Mann, der sonst leider oft mit verstörenden Anti-Aging- und Make-up-Versuchen negativ punktet. In puncto Haare hat er’s aber drauf.

Übrigens: Schuld an allem ist ein „T“

Es ist nur ein T, ein T an der falschen Stelle, das die Grenze zwischen Bubi und rentner markiert. Der Biologe Kaustubh Adhikari vom University College in London hat jetzt herausgefunden, dass eine winzige unauffällige Veränderung in einem Gen der Grund ist, dass unsere Haare grau werden. Wenn an einer bestimmten Stelle des DNS-Stranges unter tausenden (!) von Nuklein-Basen Cytosin (C) durch Thymin (T) ausgetauscht wird, sind laut der neuen Studie verantwortlich für das Haar. Also für gelockte Krausen (die ja noch als halbwegs sexy durchgehen), für Glatzen oder gar für das Grauen. Das Gen für die silbermelierten Herrenhaare heißt IRF4, Zusammen mit anderen Genen steuert es auch die Hautfarbe des Menschen, indem es die Melanin-Bildung reguliert, also die Bildung von Pigmenten. Je nach Melanin-Mix hat ein Mensch rote oder braune Haare. Je weniger Melanin ein Haar enthält, desto blasser oder grauer wirkt es. Übrigens: Die neuen Erkenntnisse der Studie könnten nicht nur für die Kosmetikforschung relevant werden, sondern sogar für die Kriminaltechnologie. Denn das genetische Profil bietet Forensikern die neue Möglichkeit, das Aussehen eines Täters zu ermitteln: Hat der Täter glatte, braune, graue oder gar keine Haare? Lässt sich dann mit ein paar DNS-Spuren am Tatort herleiten.

(Alle Bilder © gettyImages)