Helfen Kaffee und Kippen gegen Streß?
07. Juni 2016
12 Uhr
Man hat ja morgens so seine Rituale. Bei mir: Kaffee, Kippen, News auf dem iPad. Die ersten 15 Minuten des Tages sind für ganz ganz langsames Aufwachen reserviert. Egal, wie stressig der Tag wird – der Anfang ist erstmal tiefenentspannt. Und so geht es weiter: Wann immer ich in den folgenden 12 Stunden genervt, überlastet oder in schierer Panik bin. Kaffee und Zigaretten sorgen für entspannende Unterbechungen. Nun stellt sich gerade die Wissenschaft (mal wieder) die Frage: Ist da was dran? Helfen Koffein und Nikotin gegen Stress? Und wenn ja, in welcher Dosis? Eine Analyse

Dass Böhmermann dem türkischen Möchtegern-Sultan ein Schmähgedicht an den Kopf geworfen hat, muss man nicht zwingend gut finden. Kann aber in der historischen Betrachtung zumindest sagen: Türken-Bashing in Reimform hat hierzulande eine lange Tradition. Aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt ein damals sehr beliebtes Kinderlied, als der gute deutsche Filterkaffee noch kein Allgemeingut war, und Türken in Deutschland eher eine Seltenheit. Der Ohrwurm der Stunde damals kam von Komponist Carl Gottlieb Hering, einem gebürtigen Elbsandsteingebirgler. Der „Caffee-Kanon“:

„Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann! C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee.“

Das wird man ja wohl noch singen dürfen.

Entstresst Kaffee? Ja.
Nun hat sich der Koffein-Konsum mittlerweile auch in Deutschland durchgesetzt, und man weiß, dass man vom braunen Gold nicht blass oder krank wird, sondern im Gegenteil: Fit uns stressresistent! Tatsächlich hat eine Studie der Universität von Coimbra in Portugal herausgefunden, dass Koffein jene Mechanismen im Gehirn blockiert, die in chronisch stressigen Phasen vergesslich und ängstlich machen. Die stimulierende Wirkung von Koffein setzt circa 30 Minuten nach dem Trinken ein, und hat im Körper eine Halbwertszeit von etwa vier Stunden. Erst dann hat der Körper 50 Prozent des Koffeins wieder ausgeschieden. Die Hauptwirkung: Koffein blockiert den körpereigenen Botenstoff adenosin, der Müdigkeit auslöst. Das verbessert unsere Konzentrationsfähigkeit und hilft aus manchem Leistungstief heraus. Außerdem soll eine Tasse Kaffee Diabetes-Patienten gut tun, Asthmaschübe aushebeln und – auch wenn da die Datenlage noch nicht eindeutig ist – sollen Kaffeetrinker generell länger leben.

Einzig: bitte vor dem Sport keinen Kaffee trinken, bzw. koffeinhaltige Powerdrinks, denn der Koffeinschub führt eh schon dazu, dass das Herz schneller schlägt – die zusätzliche Belastung von anstrengendem Workout kann dann schnell zu viel werden.
Und, auch wenn man es immer wieder liest: Kaffee entwässert nicht übermäßig. Das ist nur der fall bei Menschen, die ganz selten mal Koffein zu sich nehmen. Jemand, der regelmäßig Kaffee trinkt, kann die Menge ruhig zu seiner Flüssigkeitsbilanz hinzurechnen. Allerdings sollten es am Tag nie mehr als fünf Tassen Kaffee sein, da es eine Obergrenze für das schwarze Heißgetränk gibt: bis zu 400 Milligramm über den Tag verteilt können gesunde Erwachsene zu sich nehmen, sagt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa. Nicht vergessen: Tee, Colahaltige Getränke und Schokolade zählen mit in die Koffein-Bilanz!


Entstressen Zigaretten? Ja. Aber.
Zumindest bei Rauchern. Das ist kompliziert: Wer noch nie geraucht hat, in dem würde eine Zigarette gegen akute Hektik absolut das Gegenteil bewirken, weil seine Rezeptoren nicht gegen das starke Nervengift geschützt sind. Auf Raucher dagegen wirkt eine Zigarette tatsächlich entspannend, weil das Nikotin Wohlfühlinformationen simuliert, die Erregbarkeit der Nervenrezeptoren abmildert und den Entzug seit der letzten Zigarette aushebelt. Eine aktuelle Studie der Florence Nightingale school of Midwifery in London bestätigt aber, was wir alle schon immer geahnt haben: Wer das Gefühl hat, ohne eine Zigarette nicht in den Tag starten zu können, belügt sich selber. Denn es ist in erster Linie der Entzug nach der nächtlichen Zigarettenpause, der uns nach der ersten Kippe des Tages darben lässt. Wirklich psychotherapeutisch stressabbauend wirken Zigaretten nicht. Dagegen wirkt der dauerhafte Verzicht auf Zigaretten – wenn man endlich den Absprung schafft – effektiv harmonisierend auf das psychische Gleichgewicht. Aber leider erst nach circa sechs Monaten. Was lernen wir daraus? Rauchen zum Stressabbau ist eine Lüge. Man nimmt sich nur eine Pause, um eine Sucht zu stillen. Das wirkt zwar auf starke Raucher entspannungsfördernd – aber wer einfach nur eine Fünf-Minuten-Arbeitspause einlegt, ohne sich dabei die Kippe anzuzünden, reduziert den Stress genausogut, ohne dabei seine Gesundheit zu gefährden.


Und was ist das allerbeste Mittel gegen Stress?

1.Sport treiben
30 Minuten Kreislauf hochtreiben! Also statt morgens wie ich faul in der Küche herumzusitzen, helfen Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren zur spürbaren Stressreduktion. Dreimal die Woche 30 Minuten wären optimal.

2. Essen wie Popeye
Spinat ist ein richtiger Süaßverderber für fiese Stress-Auslöser: denn er spendet große Mengen an Magnesium, Kalium , Vitamin B6 und Calcium. Gemeinsam harmonisieren diese die Signalübertragung zwischen gestressten, übererregten Nervenzellen. Am besten roh als Spinatsalat oder nur kurz gedünstet essen, um möglichst viele Nährstoffe zu bewahren.

3. Säfte trinken
Viel Stress ist ein ausdauernder Vitaminkiller. Schön kurze Anspannungsphasen erhöhen den Vitamin-C-Bedarf drastisch. Damit unser Immunsystem normal funktioniert, muss man die Vitamin-Speicher auffüllen – am besten mit frisch gepressten Säften aus Orange, Zitrone und/oder Karotten.