Botox – die ungeschönte Wahrheit
10. Februar 2016
19 Uhr
Okay, Nicole Kidman sieht schlimm aus. Mickey Rourke auch. Aber ist es das? Sieht man zwangsläufig aus wie nach einem Meet-and-Greet mit Dr. Frankenstein, wenn man die Praxis eines ästhetischen Dermatologen verlässt?

Mein GQ-Kollege Markus Löblein riskiert gerne mal was für seinen Job. Folgerichtig heißt sein Blog „Löblein am Limit". Ich selbst habe es aber statt mit Hürdenlauf, Im-Schlamm-Robben und Vom-Pferd-Fallen eher mit den schönen Dingen. Dass die hin und wieder auch unter die Haut gehen, ist wohl Berufsrisiko.
Also nutzte ich neulich eine Mittagspause für ein „Liquid Lifting“, eine Kombination aus Botulinumtoxin („Botox“ ist übrigens nur eine von vielen Marken, die Botulinumtoxin herstellen, kein echtes Wort. Das ist wie „Tempo“ statt Taschentuch, oder „Uhu“ statt Kleber), und Hyaluronsäure als Filler.

Das geht folgendermaßen: Meine Ärztin, Frau Dr. Schuhmachers, schießt ein bisschen Botulinumtoxin in die Muskeln, die für jene Falten verantwortlich sind, die mich am meisten nerven, um sie zu beruhigen. Wenn der Muskel weniger aktiv ist, bildet er auch weniger deutlich sichtbare Falten. Das sind bei mir vor allem die Stirnfalten und die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen. Dann wird Hyaluronsäure dorthin gespritzt, wo das Gesicht etwas mehr Volumen verträgt, in meinem Fall die Wangen und die Nasolabialfalten, das sind die Linien von den Nasenflügeln runter zu den Mundwinkeln. Das Spritzen selber dauert keine zehn Minuten und schmerzt null komma null. Kleine Piekser, mehr kriegt man nicht mit. Und dabei bin ich wirklich kein hartgesottener Kerl. Anschließend bin ich wieder ins Büro, fertig. Kein Verband oder Pflaster, zum Glück bei mir auch keine blauen Flecken – letzteres ist aber eine Typfrage. Bei manchen kommt es wohl schon zu Mini-Flecken an der Einstichstelle. Ich hatte jedenfalls Glück.

Das Ergebnis? Der Unterschied ist nicht gigantisch. Und das ist gut so. Es hat mich keiner im Büroflur angesprochen, warum ich plötzlich anders aussehe als noch vor einer Stunde. Der Unterschied läuft sehr unterbewusst ab: Die Augen wirken offener – wacher – und die Haut praller. Dafür wirft die Stirn keine runzeligen Falten mehr und wirkt glatter. Wenn ich in den Spiegel schaue, fühle ich mich einfach besser. Ich bin mit dem Minieingriff sehr zufrieden. Das nennt man übrigens „Facial Feedback“ – wenn die Laune dank des eigenen Spiegelbildes dauerhaft steigt nach einem Eingriff. Das ist sogar bei Patienten mit Depression belegt, deren Stimmungstief sich deutlich verbesserte nach der Behandlung mit Botulinumtoxin. Netter Nebeneffekt. Aber sonst: Sehe ich nicht viel anders aus als vorher, nur eben fitter, erfrischt und etwas glatter.

Die Gefahr besteht also eigentlich nicht. Aber was ist denn mit diesen anderen so oft beschriebenen Gefahren, die hinter einem „Liquid-Lifting“ lauern?

Die großen Botox-Mythen:

1. Botox ist ein gefährliches Gift
Ja und Nein. Botulinumtoxin ist ein natürlicher Eiweißstoff, der von Bakterien (Clostridium botulinum) hergestellt wird. Es ist aber weder ein Insektenvernichter, noch ein Kampfstoff, und auch keine Massenvernichtungswaffe, sondern ein natürliches Bakterieneiweiß, das in geringsten Mengen in fast jeder Gartenerde zu finden ist. Was man damit anstellt, welche Wirkung oder Nebenwirkung es hat, kommt auf die Dosierung, seinen Reinheitsgrad etc. an. Die gefährliche Dosis ist etwa 1000 Mal höher als die Dosis, die Ärzte bei der ästhetischen Anwendung benutzen. Das Gift ist also ungeheuer stark verdünnt, denn das Ziel der medizinischen Anwendung ist die Schwächung eines Muskeltonus, nicht die völlige Muskelblockade. Schwere Allergien oder gar Todesfälle nach ästhetischen Anwendungen sind bisher trotz millionenfacher Anwendung nicht berichtet worden.

2. Es gibt keine Langzeiterfahrungen mit den Nebenwirkungen. Und das Gift wandert im Körper.
Das ist Quatsch. Beweis: Botulinumtoxin wird seit Jahrzehnten (!) am Menschen angewendet, seriösen Schätzungen zufolge wurde es schon rund 15 Millionen Mal in Gesichter gespritzt. Und die sehr, sehr strengen Gesundheitsbehörden lassen nach reiflicher Prüfung immer mehr neue Indikationen zu. Das Märchen, dass Botox & co im Körper herumwandern, wurde mittlerweile auch widerlegt. Ja, es kann sich noch auf eine winzige Reise begeben, aber nur sehr begrenzt. Im Grunde bleibt es in dem Areal, in das es gespritzt wurde. Dass Botox ins Gehirn wandern könne, ist längst widerlegt worden, auch wenn manche Hysteriker dies gerne immer wieder behaupten.

Die wirklichen Risiken sind dagegen recht überschaubar: Es kann temporär zu leichten Schwellungen oder blauen Flecken, Blutergüssen, kommen. Ein Heben der seitlichen Augenbrauen ist möglich – aber meist sogar erwünscht, da das Gesicht (wie bei mir) dadurch wacher erscheint. Ist der Effekt zu stark, spricht man vom „Mephisto“- oder „Spock“-Phänomen. Aber dieser Ausdruck ist ja – wie alles bei Botulinumtoxin und Hyaluron-Fillern – zeitlich begrenzt und kann meistens bei einem Kontrolltermin nachbehandelt, also korrigiert, werden.Wie bei jeder anderen Einspritzung in die Haut kann es in seltenen Fällen zu einer Hautreizung oder -infektion, einer leichten Schwellung oder einem Bluterguss kommen. Des weiteren wurde nach der Behandlung mit Botulinumtoxin A in seltenen Fällen über Müdigkeit, Mundtrockenheit und allgemeines, grippeartiges Krankheitsgefühl berichtet. Sämtliche Nebenwirkungen sind aber – nach heutigem Stand der Wissenschaft – nur vorübergehend; langfristige Nebenwirkungen sind bei der Behandlung von mimisch bedingten Falten nicht bekannt.


3. Botox friert die Mimik ein
Das Geheimnis eines guten Dermatologen: Er spritzt so wenig, bzw. viel, dass die Falten zwar weitgehend verschwinden, das Gesicht aber trotzdem noch lebt und arbeitet. Solche „overtoxed“-Gesichter, wie Nicole Kidman, die gibt es so gut wie nur in Amerika. Hierzulande würde kein vernünftiger Arzt so oft in kurzen zeitlichen Abständen Botulinumtoxin spritzen, bis das ganze Gesicht lahmgelegt ist. Und: Auch wenn Hysteriker immer wieder schlimm operierte, kaput-geliftete Gesichter von Prominenten als Beleg dafür zeigen, dass man mit Botox nicht in Würde altern kann, ist es eben falsch. Denn: Diese schlimm operierten gesichter sind eben genau das - operiert! Krasse Verheerungen a la Kidmann oder Renée Zellweger kriegt man mit ein paar Pieksern Botox im Jahr nicht hin!

Link zur Praxis von Frau Dr. Schuhmachers: hautarzt-schuhmachers.de